Baumgartner by Auster Paul

Baumgartner by Auster Paul

Autor:Auster, Paul [Auster, Paul]
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Rowohlt E-Book
veröffentlicht: 2023-11-07T00:00:00+00:00


Lebenslänglich

Ich war gerade siebzehn geworden, als der oberste Richter des Northern District mir sein Urteil und das Strafmaß verkündete: lebenslänglich Sätze machen. Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert, und seitdem sitze ich allein in einer Zelle im zweiten Stock der Haftanstalt Nr. 7. Ich gebe zu, die Strafe ist hart, aber ich will den Behörden nicht unrecht tun, die Tür meiner Zelle war nie abgeschlossen, und ich zweifle kaum daran, dass ich jederzeit hätte aufstehen und davongehen können. Nicht dass ich nie in Versuchung geraten wäre, doch aus Gründen, die ich selbst nie ganz verstanden habe, bin ich lieber geblieben.

Mein Aufseher, mittlerweile ein alter Mann, mindestens so alt wie ich, wenn nicht noch älter, hat nie ein Wort mit mir gesprochen. Seit über fünfzig Jahren bringt er mir dreimal am Tag das Essen, und in den ersten zwanzig Jahren hat er dreimal am Tag gelacht, wenn er hereinkam und mich über den Tisch gebeugt an meinen Sätzen arbeiten sah. In den folgenden zwanzig Jahren nahm er die Hand vor den Mund und kicherte. Jetzt schüttelt er nur noch den Kopf und stöhnt.

Zwei Zellen neben meiner saß ein anderer Gefangener, ein Mann namens Bronson oder Brownson, und manchmal sprachen wir über das schlechte Essen und die dünnen Laken auf unseren Pritschen, aber seit fünf oder sechs Jahren hat Bronson oder Brownson kein Wort mehr zu mir gesagt, wahrscheinlich ist er tot. Zweifellos haben sie ihn eines Nachts, während ich schlief, weggetragen.

Die neuerdings im Korridor herrschende Stille scheint mir zu sagen, dass außer mir niemand mehr im Einzelhafttrakt des Gefängnisses übrig ist. Das mag sich einsam anhören, aber so schlimm ist es gar nicht. Es verlangt viel Mühe, einen Satz zu machen, und viel Mühe verlangt viel Konzentration, und da, wenn man aus Sätzen ein zusammenhängendes Werk erschaffen will, unweigerlich ein Satz auf den anderen zu folgen hat, ist den ganzen Tag lang viel Konzentration verlangt, und daher vergehen mir die Tage wie im Flug, als ob jede Stunde auf der Uhr nicht länger als eine Minute dauert. Nach über fünfzig Jahren im Flug vergangener Tage fühlt es sich an, als wäre mein Leben vorübergehuscht wie ein Schatten. Ich bin alt geworden, aber weil die Tage wie im Flug vergangen sind, fühle ich mich im Wesentlichen noch jung, und solange ich einen Stift in der Hand halten und den Satz vor mir noch sehen kann, werde ich wohl weitermachen wie seit dem Morgen, an dem ich hier angekommen bin. Und sollte ich einmal nicht mehr weitermachen können, kann ich einfach aufstehen und gehen. Sollte ich dann zu alt zum Gehen sein, werde ich meinen Aufseher bitten, mir zu helfen. Er wird bestimmt froh sein, mich verschwinden zu sehen.



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